Und am 5. Tag schuf Gott die Fledermäuse... 


Eine Einführung in die Thematik für ganz besonders junge Kinder, die beim Vorlesen und bei der Einweisung in Umweltproblematik noch viel Geborgenheit brauchen, und denen wir im Grunde eine wieder 'heile' Welt schuldig sind.

   Als der liebe Gott die Tiere schuf, kam auch der Tag, an dem er sich die Fledermäuse ausdachte. Das Ergebnis war bezaubernd. Die Fledermäuse waren allesamt ganz sanfte, liebenswürdige und vor allem ganz wunderschöne Tiere geworden, die am ganzen Körper ein wärmendes Fellchen trugen und ganz zarte, feine Hautflügelchen hatten. Als sie dem lieben Gott nun so um den Kopf schwirrten und ihm voller Freude über ihre Existenz ihre kühnsten Flugkunststücke vorführten, war selbst der liebe Gott ganz hingerissen über diese gelungenen Geschöpfe, und er war recht zufrieden mit sich. Trotzdem fragte er die Fledermäuse, ob sie vielleicht noch besondere Wünsche hätten, denn sie sollten auch ein Mitspracherecht haben. Da die Fledermäuse eigentlich alle sehr bescheiden und zurückhaltend waren, traute sich zunächst niemand, etwas zu sagen. Nur ein ganz kleiner Knirps von Zwergfledermaus, der trotz seiner Winzigkeit, er war nicht einmal daumengross, etwas kühner als die anderen war, meinte mutig: "Ich finde, wir sehen uns alle viel zu ähnlich. Meiner Meinung nach sollte jeder noch etwas Besonderes haben, das ihn von allen anderen unterscheidet."

   Der liebe Gott hatte für diesen Antrag vollstes Verständnis und bat jeden einzelnen, doch seine speziellen Wünsche vorzutragen. "Ich hätte gerne ein goldbraunes glänzendes Fellchen, das im Mondlicht schimmert", platzte der Abendsegler etwas vorlaut heraus. "Mir gefallen die Öhrchen der Mäuse so ausserordentlich gut", meldete sich eine grosse Fledermaus, "könntest Du mir nicht auch solche hübschen Ohren geben?" Und damit hatte diese Fledermaus auch schon ihren Namen. Sie wurde fortan von allen Mausohr genannt. "Wenn es
Dir nicht zuviel Mühe macht, dann würde ich mich über eine besonders markante Nase freuen", flötete eine kleine Fledermaus, die die Menschen später Hufeisennase tauften.

   "Wenn es möglich wäre", zwitscherte die Zwergfledermaus, so wünsche ich mir ein dunkles, vielleicht ein nachtschwarzes Fellchen, damit mich beim Ausflug niemand sehen kann, denn ich bin zu klein, um mich gut zu verteidigen, wenn ich angegriffen werde."


   Ja, und dann war da noch eine besonders scheue, schüchterne
Fledermaus, die sich nicht einmal traute, für sich selbst etwas zu erbitten: "Meine Frau hat sich in die schönen langen Ohren der Hasen verliebt, und ich wäre damit auch einverstanden", wisperte er fast unhörbar.

   Aber wie der liebe Gott so ist, hörte er sich wohlwollend die bescheidenen Wünsche der
Flattertiere an, und er erfüllte sie alle, so dass die Fledermäuse sich schön fanden und glücklich waren. So sollte es ja auch sein. Aber der liebe Gott sah da noch ein Problem: "Die Zwergfledermaus hat mich da noch auf eine Idee gebracht. Da ihr ja allesamt sehr kleine sanfte Tiere seid, möchte ich euch noch zusätzlich schützen. Und weil ihr ja nach meinem Willen nachts fliegen sollt, wenn z.B. die Eule mit ihrem ausgezeichneten Gehör nach Beute jagt, werde ich eure Stimmen für die Eule und die meisten anderen Tiere unhörbar machen, damit euch niemand ein Leid zufügen kann. Dann stört ihr auch die anderen Tiere nicht, die ja nachts schlafen müssen.

   Die Fledermäuse waren sofort einverstanden. Nur Adam Langohr schluckte einmal, atmete tief durch und traute sich dann doch noch einen Einwand vorzubringen: "Ich finde aber, dass unsere Stimmen schön klingen!" flüsterte er noch leiser als sonst.

   Der liebe Gott hatte es aber doch gehört. "Ich kann dich beruhigen, Langöhrchen, eure charakteristischen Stimmen dürft ihr behalten, damit ihr euch auch weiterhin gegenseitig an euren Lauten erkennen könnt. Wir verlegen die Töne, die ihr produziert, nur in einen höheren Bereich, in dem andere Tiere und auch der Mensch, den ich noch in Planung habe, nicht hören können. So seid ihr auf jeden Fall sicherer."

   Da lächelte Adam Langohr ganz glücklich, und Eva Langohr kuschelte sich an ihren Mann, weil sie ganz stolz auf ihn war.

   "Tja", fiel dem lieben Gott da noch gerade rechtzeitig ein, "und dann müssen wir unbedingt noch etwas zusammen überlegen. Da ihr ja alle Nachttiere seid und auch alle Insekten jagt, wäre es am besten, wenn wir eine vernünftige Regelung finden könnten, damit ihr euch die Nahrung nicht gegenseitig streitig machen müsst. Mir müssen nach einer Lösung suchen, wie ihr euch das Nahrungsangebot an Nachtinsekten aufteilen könnt, ohne euch gegenseitig das Futter wegzunehmen."

   "Ich bin stark und kräftig", meinte der Abendsegler, "ich kann 50 Stundenkilometer schnell fliegen und grosse Beutetiere vertilgen. Die Nachtfalter, die ich mag, fliegen auch sehr hoch. Ich wäre zufrieden, wenn mir der Luftraum über den Baumwipfeln zugesprochen würde." "Das hört sich ganz vernünftig an", erklärte der liebe Gott, "so soll es sein." Die grossen Mausohren meldeten an, dass sie gerne im Wald, also im Blattwerk, und am Waldrand jagen wollten, wo man auch grosse Laufkäfer erwischen konnte. Auch das fand allgemeine Zustimmung. Die Langohren und die Hufeisennasen, die sich ohnehin nie zankten, wollten am liebsten im und am Gebüsch jagen, da sie grosse Flügel hatten und daher ganz langsam fliegen konnten. So waren sie allein in der Lage, auch die Nachtfalter zu finden, die sich auf Blättern ausruhten.

   Die Zwergfledermäuse, die nur ganz kleine Insekten bevorzugten, erbaten sich den freien Luftraum um und über Büschen und am Waldrand. Und da sie die kleinsten waren, liessen sie sich auch die Jagd in Hohlwegen, unter überhängenden Bäumen und in schmalen Gassen zusprechen, wo es erstens nicht so windig ist, und wo sie auch von Eulen so leicht nicht gesehen und gehört werden konnten.

   Am Schluss waren alle recht einverstanden mit dieser wirklich guten Lösung. Es stellte sich sogar heraus, dass sich ihre jeweils artgerechten Rufe auch ganz besonders gut für die Jagd in den gewählten Revieren eigneten. Die Fledermäuse drehten noch ein paar Ehrenrunden um den Kopf des lieben Gottes und führten übermütig noch einmal alle ihre akrobatischen Flugkunststücke vor. Dann verteilten sie sich über die ganze Welt. Nur an den Polkappen, wo ewiges Eis ist, war es ihnen zu kalt. Schliesslich gab es da auch keine Insekten.

   Und so lebten sie lange als schöne friedfertige Tiere, hatten jedes Jahr nur ein einziges Junges, das sie aber ganz liebevoll umsorgten.

   Und dann machte der liebe Gott seine Pläne wahr und erschuf den Menschen. Ob er daran gut getan hatte, wusste er später selbst nicht mehr so recht, denn der Mensch machte sich daran, die Lebensgrundlage der Fledermäuse zu zerstören, und diese zauberhaften Geschöpfe der Nacht drohten auszusterben. Die Kinder der Menschen hatten das schnell begriffen. Sie gaben sich alle erdenkliche Mühe, die Fledermäuse zu retten. Aber wenn die Erwachsenen nicht mithelfen wollten, würde es wohl nicht gelingen. Oder doch?

   "Ist es nicht so, dass wir im Grunde auch nicht mehr leben können, wenn es keine Fledermäuse mehr gibt, weil die Natur kaputt geht?" fragten die Kinder.

   Und wenigstens einige Erwachsene verstanden, dass ihre Kinder Angst hatten, grosse Angst. Das hatten sie nicht gewollt. Und sie machten sich daran, ihre Fehler wieder gut zu machen. Schliesslich hatten sie ja die Verantwortung.

   Und es wurde Abend und es wurde Morgen: eine neue Zeit begann.

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Diesen Text habe ich auf einer alten Schreibmaschinenseite getippt erhalten. Fusszeile war:

"Diese Geschichte ist meinem kleinen Sohn und seinen Freunden gewidmet. Möge sie zu ihrem Besten Wirklichkeit werden"

Die Signatur ist leider nicht klar zu erkennen, aber sie könnte lauten auf Bärbel Justus ?

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Quelle:

http://www.wsl.ch/land/biodiversity/bats/Arbeiten.html

Mit freundlicher Genehmigung von Martin Obrist

 

 

Stand 19. September 2004